Herzlich willkommen zurück zu einer neuen Ausgabe von Spiegel TV…nee, moment…der Kleinen Genrefibel. Rückblickend betrachtet war die letzte Folge SILENTIUM vielleicht doch nicht so eine gute Idee. Das nahezu wortlose Konzept hätte ich mir aufsparen sollen. Warum hab ich nicht über Buster Keaton oder Charlie Chaplin geschrieben und dafür in der heutigen Folge lediglich Bilder sprechen lassen? Denn heute ist es soweit, liebe Genrefreunde, nach Tieren, Pflanzen, Drogen, Zeitreisen, Atombomben und Serienkillern beschäftigen wir uns mit der Wurzel allen Übels, sowohl im Film als auch im echten Leben, was immer das auch heißen mag: Frauen. Das wird sicher nicht einfach, die Gefahr ist groß, sich verbal zu vergaloppieren. Damit das nicht passiert, gilt heute Dienst nach Vorschrift. Setzen wir uns mit der gegebenen Thematik vorrangig akademisch auseinander und lassen Emotionen besser draußen. Denn Draußen ist es kalt und da passen die gut hin.
Mit Filmen ist das so eine Sache. Entspannend sollten sie sein, aber auch spannend. Der eine will eine Auseinandersetzung mit der Realität, ein anderer will ihr entfliehen. Diese Flucht muss nicht ständig in die Phantastik münden. Denn Phantastik entsteht auch immer dort, wo einem Erfahrungswerte fehlen, im Unbekannten. Manche interessiert das Leben auf dem Planeten Koozebane, andere würden gern wissen, wie es wohl wäre, im Knast! Natürlich nicht am eigenen Leib, aber im Kino? Mal eine Bank ausrauben, illegale Autorennen, ein Ding drehen? Das Verbrechen ist vielleicht eine der größten Sehnsüchte, wenn man stinkigen Großraumbüros, nervigen Vorgesetzten und der Langeweile des Alltags überdrüssig ist. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ein nicht minder großer Reiz geht auch von der Verbrechensbekämpfung aus.
Die Berliner Festivalwoche ist mittlerweile vorüber und mit ihr auch die GENRENALE2, ein Festival mit dem Label 100% GERMAN GENRE CINEMA. Genug Zeit also, um den Tag des deutschen Genrefilms ein wenig nachzuverarbeiten. GENRENALE2 im GENRENALE-PALAST Babylon Mitte, das war ein volles Tagesprogramm an Kurzfilmen, Trailern, einem Serienpiloten bis hin zu einer spätstündlichen Retrospektive, der LAST MARTIAL ARTS CHALLENGE, in der es die KAMPFANSAGE-Trilogie zu sehen gab. Das Herzstück der Veranstaltung aber war die Podiumsdiskussion “Rückkehr zur dämonischen Leinwand – Hindernisse und Chancen des deutschen Genrefilms“, in der es natürlich um das zentrale Thema für Filmemacher geht, die Genre in Deutschland machen wollen, nämlich, warum ist das so schwer, in diesem Land Genrefilme zu machen. Bevor ich näher auf die interessante Diskussionsrunde eingehe, denn das Gesagte ist wichtig und muss verbreitet werden, fangen wir doch an mit den…
Was ist das Faszinierende am Medium Film, an Geschichten, oder weitergefasst, an der Kunst selbst? Was sind die Antriebsmotoren, die Beweggründe, was bildet die Kunst eigentlich ab? Der Mangel des Vollkommenen, der Gewinn von Erkenntnis, das Hinterfragen des eigenen Ich´s innerhalb einer Gesellschaft? Da der Film ein visuelles Medium ist, bietet er die Möglichkeit, Dinge sichtbar zu machen, die in der Realität verborgen liegen. Sind Geschichten deshalb grundlegend bezogen auf Wünsche oder Sehnsüchte? Wissensdurst, die Suche nach Liebe, nach dem Sinn unseres Seins? So sehr beispielsweise Liebe Geschichten und Filmen eine thematische Basis bieten, sie ist selten das erste, was einem einfällt, wenn es um die Faszination menschlichen Verhaltens geht. Denn neben dem Sexualdrang ist es vor allem die Verhaltensweise Aggression, die anthropologisch gesehen die wichtigste Eigenschaft des Überlebens darstellt. Schlichter ausgedrückt, nichts fasziniert dem Mensch in der Erschaffung und Rezeption von Kunst so sehr wie Gewalt. Gewalt gehört zur Grundausstattung des Menschen, und er reibt sich weniger an dieser Tatsache selbst als im Versuch, sie mit den selbstaufgestellten, moralischen Auffassungen der Gesellschaft in Einklang zu bringen.
Die Filme des Dänen Nicolas Winding Refn sind nicht unbedingt jedermanns Sache. Neben der PUSHER Trilogie, die ich erst sehr spät gesehen habe, hat mich vor allem BRONSON mit Tom Hardy begeistert. Seit DRIVE aus dem Jahr 2011 ist Refn einem größeren Publikum bekannt. Trotz Ryan Gosling ist DRIVE aber weit entfernt von massentauglichem Feel-Good-Entertainment. Refn inszeniert sperrige, schweigsame und abgründige Reflektionen von Gewalt und Gegengewalt. Sein neuer Film ONLY GOD FORGIVES treibt beide inszenatorischen Pfeiler von Refn noch auf die Spitze: stilisierte Langsamkeit und emotionslose Brutalität.