Hey, ein gesundes neues Jahr Euch da Draußen! So, jetzt ist aber mal genug der langen Vorrede. Wir wollen uns mal wieder mit der Zeit im dramaturgischen Kontext beschäftigen. Das haben wir bereits einmal getan, nämlich in Script Development II: Clock Is Ticking Fast, doch ging es da um erzählte Zeit innerhalb der Geschichte. Zeitliche Aspekte sind beim Film aber nicht nur von inhaltlicher Bedeutung, sondern auch struktureller Natur. Filme, das sind endliche Objekte mit einer bestimmten Laufzeit. Es ist nicht so, dass szenisches Erzählen am Ende einen Film mit einer ganz bestimmten Länge resultieren lassen. Das kann natürlich passieren, aber die Länge eines Films ist im seltensten Fall einfach nur die Summe einer minutiösen Additionsaufgabe. Die Länge eines Spielfilms ist auch eine Charakteristika. Kurzfilm, 90minüter, Überlänge, Dreistundenschwarte – heute wollen wir uns damit beschäftigen, was es mit diesen Zeitschablonen im Film auf sich hat. Irgendjemand muss sich das doch ausgedacht haben.
Willkommen zurück im Genrestreichelzoo. Unsere letzten beiden Fibeln über Männlein und Weiblein waren inhaltlich eher retrospektiv geprägt. Subgenres in einem historischen wie gesellschaftspolitischen Kontext zu betrachten, das funktioniert allerdings nicht immer und wird irgendwann auch mal langweilig. Manche Sparten im Mikrokosmos Film sind einfach zu jung, andere wiederum definieren sich stärker aus dramaturgischen Aspekten und Fragen der Interpretation. Die Themen (Echt)zeit oder Figurenensembles sind solche Beispiele und auch in dieser Folge der kleinen Genrefibel beschäftigen wir uns vorrangig mit dramaturgischen Betrachtungsweisen.
Es gibt so Vieles, was einen tagtäglich bedrückt, sorgt, nervt oder auf die Gonaden geht. Ärger mit dem Vermieter, dem Finanzmakakentum, Individualterror durch Individualindividuen, harte, unstreichbare Butter. Doch am meisten drückt einem der Arbeitsschutzschuh. Die ganzen Sorgen um den selbstgewählten Beruf, das Risiko der Freiberuflichkeit und der damit verbundenen Ängste und Nöte, das kann einem schon mal den Festplattenspeicher blockieren. Dann sitzt man da und grübelt und grübelt, worüber man denn Schreiben könnte, doch nichts fällt einem ein. Ein Scheißberuf ist das! Wie vielen Autoren ging es bereits so, bis sie nicht anders konnten, als ihr eigenes muffiges Dasein, all die unerfüllten Hoffnungen und das Konglomerat an Sorgen in eine Figur, eine Geschichte, in ein Drehbuch zu pfropfen. Seltsamerweise eröffnet sich mir über diesen steinigen Gedankenweg eine Ideenpforte. Beruf, Job, der ganze Firlefanz ist eigentlich ein interessantes Thema innerhalb der Figurenentwicklung.
Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, in einem Land namens Posemuckel. So beginnen Märchen, Erzählungen am Lagerfeuer oder Gute-Nacht-Geschichten. Auch in der Bibel heißt es: „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Eine Geschichte braucht einen Erzähler, könnte man meinen, aber es stimmt nicht. Nicht die Geschichte braucht einen Erzähler, vielmehr der Leser. Es ist die warme, beruhigende Stimme einer Mutter, die ein Märchen am Bett ihres Kindes vorliest, während das Kind vom sanften Klang der Worte zuerst in eine Geschichte, später dann in den Schlaf getragen wird. Märchen werden nach wie vor vorgelesen, nacherzählt, umgedichtet, der Vorleser übernimmt eine Rolle, ist Mittler der Geschichte, der Begebenheit. Aber manche Eltern sind auch faul und setzen ihre Kinder einfach vor die Glotze oder eine Märchen-App. Immerhin leben wir nicht mehr in einer Zeit, in der Kinder im Wald zurückgelassen wurden, ganz allein, die Hosentaschen voller Brotkrumen.
Fahrstuhl, Innen / Tag
Floyd und Telsa stehen im Fahrstuhl.
FLOYD
„Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn’s so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen, und du hörst immer nur diesen einen Moment.“
Die vier hilfreichsten Eigenschaften eines Autors sind Phantasie, Imaginationsgabe, Vorstellungskraft und das Talent, möglichst viele Synonyme für ein und denselben Begriff zu finden. „Drehbuch ist Handwerk“, sagen die einen. „Buuu“ rufen die anderen, wo bleibt die Phantasie. Es ist schon hilfreich, wenn man über die Fähigkeit verfügt, Geschichten oder Figuren weiterzuspinnen, nach Möglichkeit dramatisch, mit Zunder. Dafür braucht man mit Sicherheit Phantasie. Aber ist Phantasie ein schöpferischer Akt? Ist es Phantasie, die eine Kettenreaktion auslösen kann, wo ist der Ursprung von Geschichten, besser, wo ist der Ursprung von Figuren?
Wenn ich in den letzten Tagen über das ausgehende Filmjahr 2013 nachdenke, welche Geschichten mich am meisten beeindruckt haben, dann fällt mir als Erstes gar kein Film ein, sondern ein Konsolenspiel. Das ist nichts ungewöhnliches, PC- und Konsolenspiele können inszenatorisch längst mit gängiger Blockbusterware konkurrieren, wirtschaftlich ohnehin – eine Großproduktion wie GTA 5 hat ein geschätztes Budget von ungefähr 200 Millionen Euro und erzielt in wenigen Tagen weltweit Milliardenumsätze.
Ja nun, was nützt es ihm denn, dem toten Hund? Und was ist das eigentlich für ein dämlicher Titel? Was kann man sich darunter vorstellen, was kann Google sich darunter vorstellen, wenn es diesen Beitrag irgendwo einordnen soll? Ein Freund meinte zu mir, mach deine Überschriften bloß nicht zu abstrakt, das ist werbetechnisch kontraproduktiv. Andererseits gibt es bestimmt Leute, die ob des Titels vielleicht Appetit bekommen, wegen dem Beefsteak? Die Meisten werden wie immer erstmal verdutzt dreinblicken.
In diesem Teil der kleinen Genrefibel ticken die Uhren mal ein wenig anders. In der Vorbereitung dieses Artikels fiel mir auf, dass ich ja auch im Bereich Script Development den Begriff Zeit als dramaturgisches Element eines Filmstoffes behandeln wollte. Zum anderen sind Echtzeitfilme selten und weniger Subgenre oder Filmsparte, sondern die letzte Konsequenz eines sehr klaren und nachvollziehbaren Einsatzes von Zeitabläufen innerhalb der Filmhandlung. Weil sich Filme von COCKTAIL FÜR EINE LEICHE bis SILENT HOUSE in Sachen Zeitstruktur gleichen, etablierte sich irgendwann der Begriff Echtzeitfilme.
Nicht nur aus Tradition wegen freut es mich, den neuen Film von Drehbuchautor und Regisseur Andrew Niccol zu besprechen. Die bisherigen Kritiken sind allesamt vernichtend. Und auch ich war durchaus zwiegespaltener Vorfreude. Auf der Habenseite stand, neben Niccol, vor allem Saoirse Ronan, die ich für ein fantastisches Talent halte. Der Stoff eine klassische Niccol-Dystopie, ein cleaner Science-Fictioner mit glattem, monochromem Look. Andererseits verfilmte Andrew Niccol mit THE HOST erstmals keinen eigenen Stoff, noch dazu ein Buch von Stephenie Meyer. Kann einer meiner Lieblingsautoren verhindern, dass SEELEN eine Art Science-Fiction TWILIGHT-Schnulzenkino wird?